In den USA droht schon wieder eine neue digitale Kluft. Kinder aus armen Familien sitzen oft den ganzen Tag vor dem Bildschirm, wohlhabende Eltern versuchen dagegen, ihre Kinder vom Smartphone wegzubekommen.
Man sieht es schon jetzt. In reichen Vierteln sind altmodische Vorschulen, die auf körperliches Spielen setzen, angesagt. Andererseits hat der Bundesstaat Utah ein Online-Bildungsprogramm für Vorschulkinder finanziert, das rund zehntausend Kinder erreicht. Die Organisation hat bereits angekündigt, dass diese digitale Vorschule 2019 mit Bundesmitteln auf die Staaten Wyoming, North Dakota, South Dakota, Idaho und Montana ausgeweitet wird.
Laut einer Studie von Common Sense Media, einer unabhängigen Medienaufsicht, verbringen Teenager aus ärmeren Verhältnissen täglich im Durchschnitt 8 Stunden und 7 Minuten mit Bildschirmunterhaltung, gegenüber 5 Stunden und 42 Minuten bei Gleichaltrigen aus wohlhabenderen Verhältnissen. (In dieser Studie wurde jeder Bildschirm einzeln gezählt: Eine Stunde Chatten vor dem Fernseher zählte also als zwei Stunden Bildschirmzeit.) In zwei Studien, die auch die ethnische Herkunft berücksichtigten, war die Bildschirmnutzung bei weißen Kindern deutlich geringer als bei Kindern aus afroamerikanischen und Latino-Familien. Und Eltern stellen selbst eine wachsende Spaltung zwischen öffentlichen und privaten Schulen im selben Viertel fest. An der privaten Waldorf School of the Peninsula, die bei Führungskräften im Silicon Valley sehr beliebt ist, wird Bildschirmnutzung zum Beispiel vermieden. Ein Stück weiter wirbt die öffentliche Hillview Middle School gerade mit ihrem iPad-Unterricht.
Der Psychologe Richard Freed hat ein Buch über die Risiken der Bildschirmnutzung für Kinder geschrieben und darüber, wie man sie wieder mit der echten Welt in Kontakt bringt. Er teilt seine Zeit zwischen Vorträgen vor vollen Sälen im Silicon Valley und seiner Praxis mit weniger wohlhabenden Familien im Raum San Francisco. Bei Letzteren ist er oft der Erste, von dem Eltern hören, dass eine Begrenzung der Bildschirmnutzung die Konzentrations- und Verhaltensprobleme ihres Kindes verringern kann. ‚Ich gehe von Vorträgen in Palo Alto [dem schwerreichen Herzen des Silicon Valley] zu Beratungen in Antioch [einer armen Stadt, die von der Immobilienkrise schwer getroffen wurde], wo ich der Erste bin, der auf diese Gefahren hinweist‘, sagt Freed. Was ihm vor allem Sorgen bereitet, ist die Arbeit von Psychologenkollegen, die Techunternehmen helfen, ihre Apps so wahnsinnig süchtig machend zu gestalten. Sie beherrschen die Techniken des ‚Persuasive Design‘, also der Beeinflussung von Bildschirmnutzern. Ein paar Beispiele: die Autoplay-Funktion von YouTube, der Zähler mit ‚Likes‘ auf Instagram, der hochläuft wie ein Spielautomat, und das ‚Streak‘-Symbol auf Snapchat.
Smartphones verbannt
‚Zuerst ging es bei der digitalen Kluft um den fehlenden Zugang zu Technologie. Jetzt, wo jeder Zugang hat, dreht sich die digitale Kluft mehr um die Einschränkung der Nutzung‘, sagt Chris Anderson, ehemaliger Chefredakteur des Magazins Wired. Im ganzen Land setzen sich Eltern, Ärzte und Lehrkräfte dafür ein. ‚Die Unternehmen haben die Schulen belogen und sie belügen die Eltern‘, sagt Natasha Burgert, Kinderärztin in Kansas City. ‚Wir werden alle an der Nase herumgeführt‘, findet sie. ‚Wir unterziehen unsere Kinder, auch meine, einem der größten sozialen Experimente, die wir seit Langem gesehen haben. Was wird aus meiner Tochter, wenn sie beim Essen kein normales Gespräch führen kann? Wie soll sie dann einen Partner finden? Wie soll sie zu einem Vorstellungsgespräch gehen?‘
‚Ich habe jetzt Familien, die ganz davon wegwollen‘, sagt Burgert. ‚Die sagen: Es reicht, wir hören auf.‘ So wie bei Familie Brownsberger. Smartphones waren dort schon lange verbannt, aber jetzt musste auch der Fernseher mit Internetanschluss weichen. ‚Wir haben den Fernseher von der Wand genommen und ich habe das Kabelabo gekündigt‘, sagt Rachael Brownsberger (34), Mutter von zwei Söhnen im Alter von 11 und 8 Jahren. ‚So verrückt das auch klingt!‘ Sie und ihr Mann, Inhaber einer Firma für Zierbeton, hatten ihren Kindern nie ein Smartphone gegeben. Aber sie merkten, dass selbst die geringste Bildschirmzeit einen schlechten Einfluss auf ihr Verhalten hatte. Ihr ältester Sohn, der ADHS hat, wurde oft wütend, wenn der Fernseher ausgeschaltet werden musste, sagt sie. Das fand sie beunruhigend. Und sein Weihnachtswunschzettel bestand aus einer Wii, einer PlayStation, einem Nintendo, einem MacBook Pro und einem iPhone. ‚Ich habe gesagt: Die bekommst du nicht, mein Junge‘, sagt Brownsberger. ‚Tja, dann bin ich eben die Böse.‘
Eines macht es aber leichter: dass andere Eltern in ihrer Nachbarschaft dasselbe tun. ‚Man muss das als ganze Gemeinschaft machen‘, sagt Brownsberger. ‚Ich habe gestern Abend noch mit meiner Nachbarin darüber gesprochen: Bin ich etwa so eine schlechte Mutter?‘ Krista Boan leitet in Overland Park drei Pilotprojekte mit jeweils rund vierzig Eltern, die gemeinsam nach guten Wegen suchen, ihre Kinder von Handys und anderen Bildschirmen wegzubekommen. Die Handelskammer unterstützt das Projekt, und die Stadt will in ihren nächsten Strategieplan auch einen Abschnitt über ‚digitales Wohlbefinden‘ aufnehmen. ‚Die Stadt und die Handelskammer sagten: Wir sehen die Folgen für unsere Stadt‘, sagt Boan. ‚Wir wollen, dass unsere Jugendlichen zu selbstständigen Bürgern heranwachsen, die vernünftig mit ihren Geräten umgehen – aber dazu müssen wir sie auch befähigen.‘
Auch im Silicon Valley machen sich manche Sorgen über die wachsende Spaltung bei der Bildschirmzeit. Kirstin Stecher und ihr Mann, der bei Facebook arbeitet, erziehen ihre Kinder fast völlig bildschirmfrei. ‚Liegt das daran, dass wir gut informiert sind und viel über die Technologie wissen?‘, sagt sie. ‚Oder daran, dass wir privilegiert sind und leichter ohne Bildschirm auskommen?‘
‚Es gibt die Vorstellung, dass dein Kind benachteiligt wird und in einer anderen Dimension aufwächst, wenn es keine Bildschirmzeit bekommt‘, sagt Pierre Laurent, ehemaliger Manager bei Microsoft und Intel und heute Vorstandsvorsitzender der Waldorfschule im Silicon Valley. ‚Aber diese Vorstellung verfängt hier nicht mehr so‘, meint er. ‚Hier verstehen die Leute, dass es in diesen Unternehmen vor allem um Big Data und KI geht, und darin wird man nicht besonders gut, nur weil man seit dem zehnten Lebensjahr ein Handy hat.‘
Auch wenn die Beschäftigten der Branche zunehmend Bedenken haben, wächst der Markt für Bildschirmanwendungen für Kinder rasant. Apple und Google versuchen um die Wette, ihre Produkte an Schulen zu verkaufen und Schüler so jung wie möglich an sich zu binden, wenn sie anfangen, markentreu zu werden. Google hat Forschungsergebnisse seines Projekts im Schulbezirk Hoover City in Alabama veröffentlicht. Dort will Google den Schülern nach eigenen Worten ‚Fähigkeiten für die Zukunft‘ vermitteln. Chromebooks und Google-Tools haben laut dem Unternehmen Leben verändert: ‚Die Leitung des Schulbezirks will die Schüler auf Erfolg vorbereiten, indem sie ihnen die Fähigkeiten, das Wissen und die Verhaltensweisen vermittelt, die sie brauchen, um verantwortungsvolle Bürger der Weltgemeinschaft zu werden.‘
Laut Richard Freed wird bei Kindern aus ärmeren Verhältnissen jedoch zu schnell zu diesen technischen Hilfsmitteln gegriffen. Er erlebt diese Kluft jeden Tag aufs Neue in seiner Arbeit mit technologiesüchtigen Kindern von Eltern mit mittlerem und niedrigerem Einkommen. ‚Viele Kinder in Antioch gehen auf Schulen, die kein Geld für Nachmittagsangebote haben‘, sagt er, ‚und einen Babysitter können sich ihre Eltern nicht leisten.‘ Die Wissenslücke über die Gefahren der neuen Technologie ist laut ihm enorm. Mit zweihundert anderen Psychologen hat er einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie ihren Berufsverband auffordern, die Mitwirkung von Psychologen am ‚Persuasive Design‘ von Apps für Kinder zu verurteilen. ‚Wenn diese Technologie ein Kind erst einmal im Griff hat, ist es sehr schwer, es davon wieder zu befreien‘, sagt Freed.
Quelle: Financieel Dagblad
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